Dieser Lebensabschnitt hat mich wohl am meisten geprägt...
Ich denke, wenn man mal ein halbes Jahrhundert Alt ist darf man
davon schreiben, was für einen die schönste Zeit war. Es ist kein
zurücksehnen nach einer vergangenen Zeit... es soll aber auch nicht
verdrängt werden was mich geprägt hat in meinem Leben.
Zum verdrängen besteht auch kein Grund und... es war eine Zeit an der
ich mich sehr gerne erinnere. Ich meine die Zeit Mitte und Ende der
sechziger- Anfang der siebziger Jahre. Es war die Zeit als man Songs
von den Rolling Stones, den Beatles, den Kinks, der Gruppe Who
oder Doors noch aufsaugte... In den zum Teil selbst übersetzten
Texten Dinge heraus gelesen wurden, die nicht einmal von den Autoren
so gemeint waren. Songs forderten noch auf zu handeln und dem
"System" die Zunge heraus zu strecken. "Satisfaction" von den Stones
war der Song der mich damals herausforderte. Da ein "Satisfaction" in
der heilen Bischofs- und Römerstadt Rottenburg am Neckar, in der ich
zum großen Teil ja aufgewachsen bin, nicht möglich war, blieb mir nur
eine Wahl... Tschüss zu sagen dem Städtchen das mich so
wohlbehütet hat. Denke mir... weder das Städtchen noch ich haben
uns jemals sehr vermisst.
Ich habe später dann sehr viele gefunden den es so in etwa erging wie mir.
Ein "Smalltown" (gemeint ist Rottenburg) schien es öfters und überall zu geben.
Klar, waren wir die Generation die Eltern hatten die uns kein Vorbild mehr sein
konnten. Natürlich verständlich... hatten Sie den Vorbilder? Hat man Ihnen doch
genommen, besser gestohlen, was uns viel Wert war und ist. Jugend und die freie
Partnersuche... das waren zumindest für meine Eltern Wörter die Sie nicht kannten
und begriffen. Zweckehe und sich zusammen tun und aus Nichts was aufbauen...
das waren Ihre Gedanken. Aus diesen Zweckehen entstand dann auch soetwas
ähnliches wie Liebe. Die finsterste Zeit deutscher Geschichte wurde von Ihnen
durchlebt. Für vielen ging Ihre Welt, ihre Symbole unter... viele verstanden die Welt
nicht mehr andere standen noch unter Schock von dem grauenhaften was geschehen
war. Die meisten waren über sich selbst erschrocken. Wie kann es sein das man
den unnötigsten Menschen seiner Zeit bedingungslos folgen konnte? Wie kann es
sein das man wegschauen konnte über menschenverachtendes? Dies traf wohl für
die meisten zu. Alles wurde verdrängt und verschwiegen... auch Wünsche die man
vielleicht mal hatte.
Deutschland sollte wieder lernen was Demokratie und Freiheit ist.
Wir sind den sogenannten Befreiern in sehr vielen dankbar doch wenn ich so
meine Eltern und mein Umfeld sah so musste ich aber auch sehr schnell erkennen
das eine demütige und unterwerfende Haltung in allen Bereichen der Gesellschaft
zu erkennen war. Ich denke vieles ist wieder entstanden mit dem Hintergedanken...
"wir zeigen es Euch das wir ein Steh-auf-Männchen sind".
Es muss wohl viel Ablenkung gewesen sein von dem was geschehen ist den eine
Verarbeitung dieses Unrechts hat ihn vielen Köpfen bis Heute noch nicht statt
gefunden. Irgendwie konnte keiner so richtig was mit der neuen Freiheit anfangen...
vielleicht war das aber auch so gewollt von unseren damaligen Lehrern.
Ich denke es war auch schwer, zumindest damals, einem Amerikaner zu erklären
das Freiheit mehr ist als Coca-Cola und Lucky Strike oder Maxwell.
Auch wurde viel übernommen was eher peinlich war. Es gab keine eigenen
Vorbilder... die Vorbilder, die Werte von dieser Zeit sie kamen
hauptsächlich von jenseits des grossen Teiches.
Ich will, kann und darf das nicht weiter beurteilen... was ich hier darüber
geschrieben habe waren meine Eindrücke die ich in jener Zeit hatte als ich
aufwuchs. Ich möchte da nun auch nicht ein Urteil abgeben und möchte
nicht missverstanden werden. Ich hoffe das Deutschland NIE wieder solche
Geschichte schreiben wird oder an einer solcher beteidigt ist.
Ich hoffe das ich dazu meinen nötigen Beitrag leisten kann.
Zurück aber zu meiner Geschichte. Irgendwann musste man raus aus
diesem Mief. Franz-Josef Degenhard hat mal in einen seiner Lieder
beschrieben wie es Sonntagmittag in einer kleinen Stadt damals war.
Nach dem Schweinsbratenessen legte sich der Herr des Hause aufs
Sofa... während Mutter in der Küche abspülte. Aus dem Musikschrank
klangen in "Mono" die "Egerländer Musikkanten"... manchmal auch
"Heintje" und dann kam der obligatorische Donner.
Nicht der Hauherr alleine, nein... die ganze Stadt furzte und rülpste
zugleich das eine Miefwolke über dem kleinen Städtchen lag.
Dieser Text beschreibt wohl am besten was ich da hinter mir gelassen
habe. Man konnte dort nur leben wenn man so war wie alle hier waren.
Ich hatte es einfach satt Tagesgespräch zu sein. Nur weil ich unter der
Woche (wo andere Leut' zum schaffe ganget) zum Bahnhof ging um
mal ins 12 Km entferne Tübingen hinzufahren. Der Bahnhofvorsteher
war nämlich nicht nur Vorstand des Bahnhofs und Fahrkartenverkäufer,
sondern auch gut funktionierender Nachrichtendienst. Was er wusste
wusste danach alle. Auch wollte ich nicht der sein, der immer
krimalisiert wurde nur weil ich zusammen mit dem Bürgermeistersohn
im Stadtpark auf einer Parkbank (neben dem Priesterseminar !) einen
Joint rauchte und in der großen Stadt Stuttgart bei einem Schuster extra
Beatlesschuhe (vorne unheimlich spitz!) anfertigen lies. Diese musste ich
auch noch verstecken wenn ich nach Hause ging. Auch habe ich gewagt
in einem ortsansässigem Schaltplattengeschäft die Stones Single
"Jumpin' Jack Flash" zu bestellen... die ich aber nie bekommen habe.
Der Manni, der sich damals Freddy nannte hatte davon die Schnauze
gestrichen voll.
Es kam der Tag an dem ich von Zuhause endlich ging.
Ich hatte es zwar schon einigemale versucht "auszureissen" doch hatte
man mich damals nach ein paar Wochen wieder eingefangen.
Immerhin kam ich bei diesen Ausflügen damals bis nach Kopenhagen.
Nun sollte es aber für immer sein. Meiner Mutter erzählte ich eines
Tages, nachdem es am Abend zuvor mal wieder heftigen Streit in der
Familie gab, dass ich zum baden an einem Baggersee ging.
Für Jahre war das das letzte was ich zu ihr sagte. Mit 20 DM in der
Tasche stand ich an der B27 bei Tübingen und wollte einfach nur weg.
Eigentlich wollte ich nach England... naiv wie ich war. Wo ich aber
dann landete das entschied der Zufall, am Verteilerring vor der
Autobahn bei Stuttgart. Von da aus ging es in alle Richtungen.
Also stand ich da, mit hochgehobenen Daumen, um in mein Glück zu
trampen. Irgendwann mal hielt ein bunter VW Bus an und ein liebes
Mädel fragte mich wo ich den hinwollte. Klar, nach England und da am
liebsten nach Liverpool... wohin den sonst? Wie ich noch erinnere hat
sie mich ganz lieb angelächelt und zu mir gesagt:" Na ja... nach England
fahr ich nicht... aber bis München nehme ich dich gerne mit".
Ich könne ja von dort meinen Weg fortsetzen".
Sie war der erste Mensch, den ich erlebte, der mich ernst genommen
hat. Meine Lebensbeichte hörte sie sich bis Augsburg an, dabei brannte
einiges Gras ab und zeigte auch seine Wirkung. Die erste Woche waren
wir gemeinsam bei Freunden von ihr, die in einer Kommune in
München wohnten. Danach trennten sich unsere Wege.
Die kurze Zeit mit ihr und München selbst, liessen
mich den Gedanken nach England zu gehen
schnell vergessen. Ich verliebte mich in diese Stadt
und ich fand Leute die auf der Suche waren, oder
zum Teil schon so lebten, wie ich es mir vorstellen
konnte. Friedlich, bescheidener und bewusster mit
Ideen die anders waren als das was man mir
anerzogen hat. Vorbilder gab es eigentlich nicht.
Nannte man sich Hippie, so konnten sich andere
darunter auch nicht viel vorstellen. Nichtsnutze und
Arbeitsscheue mit Rauschgiftkonsum und
Sexorgien... das war die generelle Meinung der
Gesellschaft gegen die für sie fast "Ausserirdischen".
Auch dort wo die Bewegung begann, in den Vereinigten Staaten, war es nicht annähernd
mit der Szene die sich hier in Europa auftat, vergleichbar. Weder das Zusammenleben, in
der Kommune, noch der Umgang miteinander war in etwa mit dem was sich in den Staaten
tat gleich zu setzen. Ich denke in Amerika war es nur ein Aussteigen während hier mehr
nach einem Lebenssinn und einer neuen, besseren Form des miteinander Lebens versucht
wurde. Etwas was nicht nur uns gut getan hätte... sondern allen. Deshalb gab es dann wohl
später eine Trennung von Leuten aus der Bewegung herraus ins politische Lager.
Mit Amerika hatte das nichts zu tun nur eines da waren wir gleich. Es wurde aufgenommen
was an Gedanken herrüber kam. Vermittler war hier wohl die Musik. Die Musik erhielt auch
hier ihren Platz. Wie ich aber schon anfangs erwähnte... interpretiert wurde sie von jedem
wie er es gerade wollte und wie es gerade passte.
Die Szene hat ihre Plätze auch in München.
Meisten kam man monatelang nicht aus dem Stadtteil
Schwabing heraus. Der "Englische Garten", vor allem
der "Monopteros" und der Eisbach mit der
Hascherwiese, die "Münchner Freiheit",
Hauptplatz in Schwabing, die Leopoldstraße mit
ihren Nebenstraßen, da konnte man die Hippies
treffen. Eigentlich waren es nie besonders viele.
Zumindest nicht viele echte und im allgemeinen
wurden sie mit Gammlern und sonstigen Aussteigern
verwechselt. So ganz richtig durchsetzen konnte sich
die Gruppe nie. Sie war so klein das man sich sogar
namentlich kannte. Doch sie hatte ihre Treffpunkte.
Einen davon sollte ich unbedingt erwähnen. Es war
der bekannteste überhaupt. Wo immer ich auch
trampte in Europa... das "PICNIC" war bekannt
unter Insidern.
Das PICNIC war ein schräges Restaurant an der
Leopoldstraße mit großem Stehplatzbereich, einem
kleinem Essraum den man nur zum einnehmen der
Speisen (?) benutzen durfte. Ansonsten hielt man sich
an den Stehtischen auf und holte sich sein Bier aus
dem Automaten und eine vermatschte Wurstsemmel
dazu. Eine miese Bude, dass war Treff- und
Anlaufpunkt und dennoch überall bekannt. Selbst als
es schon längst abgerissen war, redete ein jeder noch
von der Zeit als es das "PICNIC" gab.
Auch ich war dort immer wieder zu finden. Von hier
aus bekam ich auch Kontakte zu einer Kommune die
mich dann auch aufnahm. Inmitten von Schwabing, in
der Kaiserstrasse schräg gegenüber der Ursula-Kirche.
Vier Kommunen haben sich in dem Hause angesammelt. Die berühmte "K" - Kommune, die sich
später trennte und ein Teil in Berlin als "K1" auftrat gehörte dazu. Uschi Obermeier und Langhans
waren zwar dort zu finden aber bewusst waren sie mir damals noch nicht. Sie wurden ja dann doch
auch erst später mehr bekannt. Auch die Band "Amon Düül II" dürfte nur noch Insidern bekannt
sein... ich (wir), waren natürlich heisse Fans. Das ganze Haus war damals bei einer Plattensession
dabei die in den Räumlichkeiten der Kaiserstrasse aufgezeichnet wurde. Ein grosser Knaller wurde die
Platte zwar nicht aber immerhin Grund genug gab es danach sich mit Gras und Hanf zuzunebeln.
Sebstverständlich war die ganze Kommune ausgeflogen und unterwegs wenn die "Düüls" on tour
waren. Das hies von einem Open-Air Festival zum anderem. Manchmal auch wochenlang mit dem Bus
unterwegs oder eben per Autostop. Klar das es da überall neue Kontakte gab die ich damals in mein
Notizbuch aufschrieb das mich jahrelang begleitete auf meine Tramps in Europa.
Eine Übernachtung im Freien im Schlafsack war dadurch immer seltener... man kam immer bei
Freunden unter und das in allen Gegenden die man sich vorstellen konnte... fast lückenlos.
Ich habe etwas bewusst weggelassen von der Zeit die
mich doch sehr geprägt hat. Shit & Trips habe ich kaum
erwähnt.Vielleicht deshalb weil ich im nachhinein doch
sehr anders darüber denke. Möchte sie auch nicht
rechtfertigen... besonders nicht in der heutigen Zeit wo
man erkennen kann das sie nur Trugschluss sind und nur
zum aufputschen und zur Befriedigung genommen
werden. Nein, den Drugs habe ich sehr gerne "Tschüss"
gesagt. Auch "kiffen" ist seit Ewigkeit nicht mehr drin.
Erinnerung, ja die habe ich noch... vorallem aber an die
Zeit in der ich das geworden bin was ich heute bin.
Vielleicht werde ich zu dieser Zeit noch etwas mehr
schreiben... für heute lass ich es mal so stehen.
"Kommune K1" beim Frühstück (1968)
Es gibt wieder ein paar Zeilen mehr...
Ich habe mal wieder nach längerer Zeit den ersten Teil
durchgelesen. Eine Frage dürfte aber noch offen sein -
"Was hat mich geprägt aus dieser Zeit im nachhinein"?
Gerade als Mitglied einer Kommune konnte ich sehr viel
mitnehmen für mein späteres Leben.
Wir waren von Anfang an nicht die reine Hippiekommune
die sich zusammentaten um in Frieden zu leben. Das alles
musste sich erst entwickeln und deshalb war es vielleicht
auch besser als wenn sich eine Gruppe Gleichgesinnter
zusammengetan hätten. Das, ich erfind mal das Wort,
>Nebeneinander-Miteinander< war eine wichtige Lehre.
Die Lebensansichten und -einsichten anderer zu achten,
soweit sie nicht andere verachten, gaben mir einen
Einblick in uns Menschen und vieles kann ich Heute noch
annehmen wo ich bestimmt verständnislos oder vielleicht
gar hilflos dastehen würde hätten wir nur fanatisch unsere
Ideen verwirklicht. Sich für eine Lebensart zu
entscheiden
ist einfach besser wenn man andere Formen des Lebens
kennt. Als ich damals vom Neckartal auszog wusste ich
was ich nicht wollte... was ich aber wollte das konnte ich
hier finden und verwirklichen. Ich hatte hier viel Zeit
Menschen zu erleben... von Ihnen zu lernen und sie zu
verstehen. Davon ist noch viel übrig geblieben und ich
möchte mich auch viel an den gewonnenen Erkenntnise
halten. Habe ich vergessen wie man einen "Drei-Blatt-
Joint" baut (vorallem: die Münchner Trambahnkarten die
als Filter hervorragend herhielten und deren
Druckerschwärze schon allein etwas anturnten... gibt es
schon lange nicht mehr)... habe ich das vergessen...
vergessen habe ich nicht das der Mensch ein Mensch ist